Vor ein paar Jahren kam ein elektronisches Spielzeug namens Tamagotchi auf den Markt. Es handelte sich um ein elektronisches Küken, das von seinen Besitzer gefüttert und gepflegt werden mußte. Viele Schulkinder vernachlässigten ihr sonstiges Umfeld und wurden abhängig von ihrem Tamagotchi. [...] Ein paar Jahre später erschien ein elektronisches Publishingsystem, genannt Weblog, das seinem Besitzer ermöglichte, ständig neue Artikel auf seiner Website zu veröffentlichen.Auf den Vergleich mit den Tamagotchis bin ich am Ende einer langen Nacht gekommen, in der ich mich mit den Auswüchsen der Bloggerei beschäftigen mußte. Schließlich hatte ich damals an einem Gemeinschaftsblog mitgearbeitet, bei dem sich alles nur noch um Postingfrequenz und SEO drehte.
Die Idee, die zur Vielbloggerei führt, ist auf den ersten Blick einleuchtend: Man füttert sein Blog mit immer mehr Content und Google sorgt durch gute Suchergebnisse für immer mehr Besucher. Diese Idee hat aber etliche Schattenseiten: Um immer mehr Artikel zu schreiben, benötigt man viel Zeit. Durch die Vielposterei sinkt meistens auch die Qualität der Artikel. Statt sich Mühe zu geben, wird eben mal schnell zitiert, ein dummer Spruch abgelassen und jedes Thema aufgenommen, das gerade durch Kleinbloggersdorf geht.
Den erhofften linearen Zusammenhang zwischen Anzahl der Artikel und der Anzahl der Besucher gibt es auch nicht. Suchmaschinen folgen viel komplizierteren Gesetzen und die Besucher ein Website sind auch nicht so leicht zu berechnen. Ich glaube auch, das es gar nicht sowenige Internetnutzer gibt, die Qualität und nicht Quantität im Netz suchen. Um Besucher zu bekommen, die regelmäßig wiederkommen, benötigt man eben sehr viel hochwertigen Content. - Es sei denn, man will Geld mit dem schnellen Klick auf Werbeanzeigen verdienen.
Zurück zum Ausgangspunkt: der Trackback auf meinen Artikel verweist auf einige interessante Beiträge:
- Le blog serait-il un nouveau tamagotchi ?(12 Septembre 2006)
- Schraubzwinge Schreibzwänge (28.10.2006)
- Blogs: Tamagotchis or parasites? (Oktober 29th, 2006)
- Blogs als Online-Tamagotchis(29. October 2006)
Die Artikel zeigen, das sich zunehmend Blogger mit den Schattenseiten des Bloggens beschäftigen. Für mich ein echter Hoffnungsschimmer, das nach all dem Hype um Weblogs, ein realistisches Selbstbild entstehen kann.
Schon seit längerem wollte ich eine kleine Serie schreiben, die sich mit der Frage beschäftigt, welche Features aktuelle Blog-Software bietet. Dabei interessiert es mich gar nicht so sehr, was ein Blog überhaupt ist, sondern welche technischen Gemeinsamkeiten Blogsysteme haben. Was inhaltlich in ein Blog gehört und wer ein guter Blogger ist, darüber sollen sich Leute streiten, die diese Diskussion für ihr Ego brauchen. Fakt ist einfach, dass immer mehr Blogs entstehen und sich die Blog-Software als Content Management System (CMS) immer weiter verbreitet.
Die wesentliche Gemeinsamkeit von aktueller Blog-Software ist, dass es sich um ein Nachrichtensystem (news system) handelt. Die Artikel (item/posting) werden chronoloigsch geordnet, der zuletzt geschriebene Artikel steht an erster Stelle. Diese Reihenfolge ist in der Software meist fest verankert und lässt sich deshalb oft nur durch Modifizieren des eigentlichen Grundsystems (core) ändern.
Artikel werden oft in einen einleitenden und einen erweiterten Teil aufgeteilt. Häufig wird aber nur der einleitende Teil verwendet. Das unterscheidet die Blogs von Nachrichtenseiten, auf denen der einleitende Teil (teaser) meistens fett gedruckt wird und sich der eigentlich Artikel im erweiterten Teil befindet. Bei Blogs befinden sich auf der Startseite meistens auch die ganzen Texte, während bei Nachrichtenseiten nur Anrisstexte zu lesen sind.
Grundsätzlich würde die chronologische Reihenfolge der Artikel für ein Blog ausreichen. Benötigt würden nur zwei Links am Ende der Seite, mit denen man die vorhergehenden Artikel (previous items) und die folgenden (next items) anschauen kann. Allerdings zeigt diese Lösung schon einen großen Nachteil eines Newssystems: alte Artikel verlieren schnell an Wert, besonders wenn sie schlecht aufzufinden sind.
Um schneller alte Artikel finden zu können, haben sich zwei Lösungen etabliert. Eine Möglichkeit ist ein kleiner Kalender (calendar), in dem alle Tage, an denen ein Artikel geschrieben wurde, verlinkt sind. Der aktuelle Monat wird angezeigt, vorhergehende Monate und Jahre lassen sich über Links erreichen. Eine weitere Möglichkeit sind zusätzliche Archivseiten (archive), auf den die Artikel nach Monaten sortiert werden. Diese Seiten lassen sich meistens über eine zusätzliche Seite mit einer Monatsübersicht aufrufen. Auf der Übersichtsseite wird oft auch eine Liste mit allen Titeln eines bestimmten Zeitraums (Monat bzw. Jahr) angeboten. Bei der Gestaltung und Gliederung ihrer Archivseiten unterscheiden sich die verschiedene Blogsysteme.
Im zweiten Teil meiner Serie über Blog-Software will ich mich mit der Einteilung von Artikeln mithilfe von Kategorien und Tags beschäftigen. Diese beiden Ordnungssysteme sind gar nicht so unterschiedlich, wie sie auf den ersten Blick erscheinen.
Bei einem Weblog handelt es sich technisch gesehen um ein Newssystem. Der neueste Artikel erscheint oben auf der Seite, ältere Artikel folgen mit umgekehrter Chronologie. Damit auch Artikel auffindbar sind, die nicht auf der Startseite stehen, bieten die Systeme Archive und Suchfunktionen.
Statische Webseiten werden nach Kategorien gegliedert und können durch einen Link in der Navigation aufgerufen werden. Der Klassiker für diese Art der Gliederung war die Homepage. Bisher wird diese Art Struktur von Blogsoftware nur in Ansätzen unterstüzt:
- Deutlich vorne ist zur Zeit Wordpress, das neben den Beiträgen im Blog auch (statische) Seiten anbietet. Um eine Gliederung in Kategorien zu erreichen sind aber immer noch Änderungen am System nötig.
- Für Nucleus gibt es auch eine Lösung, die aber fundierte Systemkenntnisse und Arbeit am Code erfordert.
- Mein Versuch mit Textpattern endete mit der Einsicht, das man für die Erstellung statischer Seiten sehr fundierte Kenntnisse des Templatesystems benötigt.
Wahrscheinlich wird es dieses Jahr in diesem Bereich weitere Entwicklungen geben und die Blogsoftware sich weiter an herkömmliche Content Management Systeme annähern. Dadurch könnten die Blogs vielseitiger werden und sich zu echten Personal Publishing Systemen entwickeln.
Vor ein paar Monaten meldete sich Jakob Nielsen zu Wort, um seine Vorstellungen von einem Weblog zu veröffentlichen. Nielsen, der von einigen als eine Art Usability-Guru verehrt wird, stellte in seinem Beitrag Weblog Usability: The Top Ten Design Mistakes ein Pflichtenheft für Blogger auf. Zum Thema Veröffentlichungshäufigkeit schrieb er:
Was mich am Artikel von Nielsen stört, ist sein Versuch, seine Vorstellungen von Weblogs als Usability Regeln zu verkaufen. Wie oft ein Blogger publiziert, hängt aber von seinen Vorstellungen über sein Blog und seinen (eventuell vorhandenen) Marketingstrategien ab. Wer aus Spaß bloggt, braucht dazu sicher keinen Terminkalender und wer ökonomische Ziele verfolgt, dem wird ein Terminkalender alleine nicht helfen.Establishing and meeting user expectations is one of the fundamental principles of Web usability. For a weblog, users must be able to anticipate when and how often updates will occur. For most weblogs, daily updates are probably best, but weekly or even monthly updates might work as well, depending on your topic. In either case, pick a publication schedule and stick to it.
Also es spricht nichts gegen die freie Entfaltung des Bloggers. Ich habe mir etwa einen Artikel in der Woche vorgenommen, aber Abweichungen nach oben oder unten sind natürlich jederzeit möglich und nicht unbeabsichtigt.
19.01: Wie Blogger bloggen
Auch ich habe mich an der Umfrage beteiligt. Wenn man in Heidelberg aufgewachsen ist, ist man es ohnehin gewohnt zum Gegenstand von Forschungen gemacht zu werden. Auf eine Studie mehr oder weniger kommt es da nicht mehr an. Die Fragen waren auch spannend und gute Anregungen für einige Metablog-Artikel, die ich vielleicht noch schreiben werde. Die Angaben übers eigene Einkommen waren freiwillig. Erfeulich für mich und die Ersteller der Studie: wäre die Frage verbindlich gewesen, hätte ich die Befragung abgebrochen.
Die ersten Ergebnisse der Studie, an der 5246 Blogger teilnahmen, kann man unter Ergebnisse "Wie ich blogge?!" nachlesen, ein 27seitiges PDF mit der ersten Auswertung gibt es auch.
So ganz gelesen habe ich die Ergebnisse noch nicht. Köstlich amüsiert hat mich folgender Satz aus der Einleitung:
Hier wird also echte Pionierarbeit geleistet und das unbekannte Wesen Blogger erforscht.Bislang liegen allerdings kaum empirische Befunde über die Merkmale von Weblog-Autoren und ihre Praktiken vor, es ist also weitgehend unerforscht, welche Personengruppen aus welchen Gründen Weblogs nutzen, was ihre Nutzungsweisen auszeichnet und welche Erwartungen sie an das Genre haben.